Droht ein La Palma Tsunami?


Seit der schrecklichen Tsunami Flutwelle im Indischen Ozean wird in der Presse immer wieder die theoretische Möglichkeit eines La Palma Tsunami angeführt. Nach den Forschungen von Dr. Simon Day und Dr. Steven Ward soll die Westflanke des palmerischen Südwestens bei irgendeinem zukünftigen Vulkanausbruch des Cumbre Vieja in den Atlantik abrutschen, und damit eine gigantische Naturkatastrophe auslösen. Dieses Thema war uns eine exakte Recherche wert.

Die genannten Forschungsergebnisse sind weder neu, noch eine wilde Spekulation. Rund um alle Kanareninseln können ähnliche Vorgänge aus der Vergangenheit nachgewiesen werden. Die Westflanke des Cumbre-Vieja-Vulkans der Insel La Palma ist geologisch instabil und wird irgendwann einmal in irgendeiner Form in den Atlantischen Ozean rutschen, ob auf einmal oder Stück für Stück. Dies gilt mittlerweile als wissenschaftlich gesichterte Erkenntnis. Der letzte derartige Bergrutsch auf La Palma ereignete sich vor 550.000 Jahren. Damals entstand die Caldera de Taburiente und das Tal Valle de Aridane. Die möglichen Folgen eines La Palma Tsunami wurden mathematisch berechnet und im Labor als Modell nachgestellt.



Mögliche Folgen eines La Palma Tsunami

Dr. Steven Ward von der Universität von Kalifornien und Dr. Simon Day vom Benfield La Palma Tsunami, Höhe der Wellen, Skizze von Day und WardHazard Research Centre schildern die Stunden nach einem möglichen Cumbre Vieja Erdrutsch in einem im Jahr 2001 veröffentlichten Forschungsbericht in allen Details: Innerhalb von zwei Minuten nach dem Erdrutsch entsteht kurzzeitig eine initiale Welle, deren Höhe die Forscher auf 650 bis 3.000 Meter schätzen.

Nun schlagen 45 Minuten lang (!) 100 Meter hohe Wellen auf den anderen Kanareninseln ein, bevor Afrika von den Riesenwellen des Tsunamis getroffen wird. Spanien und England müssen im Fall eines La Palma Mega Tsunami immerhin noch mit 7 Meter hohen Wellen rechnen.

Die durch den Cumbre Vieja Erdrutsch ausgelösten Tsunami Wellen bewegen sich zeitgleich mit annähernder Schallgeschwindigkeit in Richtung des amerikanischen Kontinents. Wellen im Zehnerbereich treffen Südamerika nach sechs Stunden. Zwei Stunden später sind die Vereinigten Staaten in Reichweite des Tsunamis. Je nach Küstenform werden hier Wellenhöhen bis zu 50 Metern erreicht.

Dieses Szenario würde zu einem unvorstellbaren menschlichen Elend in den überfluteten Gebieten führen und einen wirtschaftlichen Schaden von 2,5 bis 3,5 Billionen Euro auslösen. Soviel zu den Theorien von Ward und Day. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um "Theorien". Möglicherweise passiert das Ereignis nie, oder einfach ganz anders.

Was ist ein Tsunami?

Tsunamis beziehen ihre zerstörerische Kraft aus einer extremen Wellenlänge, die bis zu Ist ein Tsunami auf La Palma möglich?hunderten von Kilometern betragen kann. Das heisst, diese Wellen brechen oft erst nach 15 oder 30 Minuten. Erst dann weicht das Wasser wieder zurück. Das Ergebnis ähnelt somit viel mehr einer temporären Überflutung, einem zeitweisen Ansteigen des Meeresspiegels, als einer kurzlebigen Gezeitenwelle.

Was beim Herannahen der Welle nicht dem Erdboden gleich gemacht wurde, das reißt das Wasser beim Zurückweichen mit sich. Tsunamis bewegen sich im offenen Meer mit bis zu annähernder Schallgeschwindigkeit und werden erst bei ihrem Eintreffen in Küstenregionen langsamer und durch eine hohe Wellenhöhe erkennbar. In den Ozeanen verbreiten sie sich fast gänzlich unter Wasser, und erzeugen hier über Wasser meist nur kleine, unscheinbare Wellen.

Tsunamis werden vorwiegend durch unterseeische Erdbeben oder Erdrutsche ausgelöst. Aber auch andere Wasserverdrängungs-Effekte können das Phänomen hervorbringen. Die Forschung geht heute davon aus, dass die Erde bereits mehrmals von gigantischen Meteoriten getroffen wurde, die in der Urzeit Flutwellen unvorstellbarer Größe ausgelöst haben.

Geologischer Hintergrund der Theorie

Dr. Simon Day begann die Vermessung der Insel La Palma im Jahre 1994. Er entdeckte bei seiner Arbeit in den Gipfelbereichen der Insel Zeit dutzende bis dahin unbekannter Vulkan-Kamine. Eine weitere neue Erkenntnis war, dass der Cumbre Vieja in seinem Inneren vertikale Ebenen aus porösem Vulkangestein aufweist, die mit Wasser durchtränkt sind.

Dr. Simon Day ist der Meinung, dass sich dieses Wasser im Falle eines Vulkanausbruchs explosionsartig ausdehnt und die Ost- und Westseite der Insel La Palma förmlich auseinander sprengt. Dies ist sehr wahrscheinlich bereits zumindest teilweise passiert: Bei dem Vulkanausbruch im Jahre 1949 rutsche der größte Teil der Westflanke des Cumbre Vieja vier Meter in Richtung Nordatlantik und kam dann wieder zum Stehen.

Zahlreiche Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass ein riesiger Block vulkanischen Gesteins in der Größenordnung von ein paar hundert km³, die Westflanke des Cumbre Vieja, schon jetzt vom Rest der Insel abgetrennt ist. Ein weiteres Abrutschen wäre somit nur noch eine Frage der Zeit. Dies kann morgen passieren, oder in 10.000 Jahren. Die Forscher Day und Ward sind sich jedoch einig, dass hierzu als Auslöser vorab zahlreiche schwere Erdbeben oder Vulkanausbrüche notwendig sind.

Buchtipp: A Guide to the End of the World

Der Auftraggeber der Cumbre-Vieja-Studie war übrigens das Benfield Hazard Research Centre, also ein wissenschaftliches ein Buch über alle Katastrophen dieser WeltInstitut, das sich auf die Erforschung von Naturkatastrophen spezialisiert hat. Der Direktor und geistige Kopf dieses Forschungszentrums ist Professor Bill McGuire, auch "Disaster Man" genannt. Er ist der Autor zahlloser Bücher und Veröffentlichungen im Bereich der Katastrophenforschung. McGuires Name fällt auch immer wieder im Zusammenhang mit der Insel La Palma.

Über die tatsächlichen Gefahren der globalen Erwärmung, über mögliche Vulkanausbrüche, über die These des La Palma Tsunami und über die Bedrohung der Erde durch Meteoriten aus dem Weltall berichtet der Vulkan-Spezialist McGuire ausführlich in seinem super-interessanten Buch A Guide to The End of the World, das leider nur in Englisch verfügbar ist. Dieses Buch war unter anderem auch eine der Grundlagen unserer Recherchen.

McGuire und seine Mitarbeiter werden vielerorts als Unglückboten verteufelt. Man mag sich fragen, wie überhaupt jemand auf den Gedanken kommen kann, umherzuziehen und aus Jux und Dollerei den palmerischen Tourismus zu schädigen. Die Lösung ist einfach: McGuires Benfield Hazard Research Centre arbeitet im Auftrag von großen Versicherungsgesellschaften, um zukünftig mögliche Naturkatastrophen zu identifizieren, und das Risiko ihrer Wahrscheinlichkeit für die Versicherer kalkulierbar zu machen.

Kritische Stimmen zur Cumbre Vieja Erdrutsch-Theorie

Die Kritiker der dargestellten Theorie sagen, es sei unwahrscheinlich, dass der komplette Berg auf einmal abrutscht. Sachbuch über Erdbeben und Vulkanismus, die Tsunami-AuslöserViel eher sei davon auszugehen, dass der Cumbre Vieja mit der Zeit Stück für Stück abbröckelt und vom Meer abgetragen wird. Außerdem seien Erdbeben oder Vulkanausbrüche der hier notwendigen Größenordnung mehr als nur selten, sie treten statistisch gesehen nur alle 10.000 Jahre einmal auf. Auch sei es nicht gesichert, dass der beim Vulkanausbruch von 1949 entstandene Riss sich in die notwendige Tiefe fortsetze.

Einige Kritiker der dargestellten Theorie sind sogar der Meinung, dass es nie zu einem Abrutschen kommen werde. Dass all dies nur wissenschaftliche Schaumschlägerei auf Kosten des palmerischen Tourismus sei. Wir denken, diese Ansicht schießt über das Ziel hinaus, denn: La Palma ist mit einem Alter von zwei Millionen Jahren geologisch gesehen noch sehr jung und weist die größte Reliefenergie (Verhältnis Fläche zur Höhe) aller Inseln der Welt auf. Die Caldera wurde ebenfalls durch das Abrutschen von Gestein erschaffen, und auch auf El Hierro sind solche Vorgänge im Zuge der El-Golfo-Senkung vor 100.000 Jahren nachgewiesen.

Dennoch sind die Kanaren nicht Indonesien. Auf den Kanaren herrscht in geologischen Zeitabständen zwar rege vulkanische Aktivität, die Lava weist hier jedoch eine geringere Temperatur als in Indonesien auf und entweicht mit einem wesentlich geringerem Druck. Im Jahre 1971 konnten gar Schulklassen den Ausbruch des Teneguia im Süden von La Palma aus relativer Nähe mitverfolgen. Indonesien beherbert im Gegensatz dazu die größten und gefährlichsten Vulkane der Welt.

Einheimische Stimmen zum Thema La Palma Tsunami

Bei unserem ersten La Palma Urlaub im Jahr 2003 fragten wir unseren einheimischen Wanderführer interessiert nach der Mega Tsunami Theorie. Er war sofort erbost und sagte, dies seien alles nur Hirngespinste eines Wissenschaftlers. Es drohe absolut keine Gefahr, alles sei nur eine Erfindung, um den Tourismus der Insel La Palma zu schädigen.

Und tatsächlich wurde der Tourismus geschädigt. Als die La Palma Mega Tsunami Theorien im Jahr 2001 publiziert wurden, blieben die Horror-Schlagzeilen a la "Lebensgefahr auf der Kanaren-Insel" auch in deutschen Tageszeitungen nicht aus. La Palma erholte sich in den letzten Jahren nur schwer vom Fluch der Tsunami-Insel Nummer 1. Am Ende des Jahres 2004 war die Geschichte zum Glück wieder gänzlich aus den Medien verschwunden.

Dann kam es am 26.12.2004 zu den schrecklichen Ereignissen im Indischen Ozean, und zur Neuauflage der negativen Schlagzeilen für die Insel La Palme. Selbst in den alltäglichen Nachrichtensendungen fand die Isla Bonita neben Teneriffa ihren Platz. Wahrscheinlich, weil die Sendezeit irgendwie gefüllt werden musste.

Wegen der La Palma Tsunami Gefahr den Urlaub stornieren?

Soviel zur Theorie. Sollten sie nun ihren La Palma Urlaub stornieren oder die Buchung bis nach dem Tsunami verschieben? Definitiv nicht! Denn dann verpassen sie eine der schönsten Inseln der Welt.

Die Forscher sind sich weitgehend, dass das Ereignis des La Palma Tsunami irgendwann einmal eintreffen wird, vermutlich in Verbindung mit irgendeinem Erdbeben oder einem größeren Vulkanausbruch. Es ist zwar theoretisch möglich, dass dies zu unseren Lebzeiten passiert, die Wahrscheinlichkeit hierfür ist jedoch praktisch gleich Null. Die Geologie unserer Erde rechnet in anderen Zeitabständen. Sicher werden Jahrtausende vergehen, bevor auch nur Teile des Cumbre-Vieja-Vulkans ins Meer stürzen.

An vielen Stellen der Erde drohen mit höherer Wahrscheinlichkeit andere Katastrophen durch unvorhersehbare Naturereignisse, wie zum Beispiel Vulkanausbrüche und Erdbeben. Es macht keinen Sinn deshalb auf das Reisen zu verzichten. Die Gefahr eines alltäglichen Unfalls im Straßenverkehr ist für den Einzelnen ungleich höher. Verzichten sie deshalb auf das Autofahren?

Bisher hatten geologische Studien in Spanien keine Priorität. Um nervöse Urlauber zu beruhigen, soll die Zahl der Meßstellen auf La Palma nun erhöht werden, um rechtzeitig vor einem theoretisch möglichen Mega Tsunami zu warnen.

Hier finden sie weitere Infos zum Thema La Palma Tsunami.

Die Originalabhandlung von Day und Ward zum Thema La Palma Tsunami aus dem Jahr 2001, in englischer Sprache: Cumbre Vieja Volcano -- Potential collapse and tsunami at La Palma, Canary Islands (Achtung, Ladezeit)

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